Die Messung der Herzfrequenzvariabilität – 7 Minuten, die sich lohnen

Herzfrequenzvariabilität eng. Heart rate variability (HRV)

Reine Nervensache

Das menschliche Nervensystem umfasst mehrere Systeme, die miteinander zusammen arbeiten: Das Gehirn als zentrale Schaltstelle mit dem angegliederten Rückenmark als Hauptleitung. Das somatische Nervensystem welches uns die Signale von außen meldet und unsere Beweglichkeit durch Steuerung der Muskulatur ermöglicht.

Unser vegetatives Nervensystem Leben zwischen Leerlauf und Vollgas

Unser vegetatives Nervensystem hingegen steuert alle wichtigen internen Körperfunktionen: Unser gesamter Stoffwechsel, die Atmung, das Herz-Kreislaufsystem, die hormonelle Regulation und die Verdauung sind der Regulation zweier gegenläufiger Steuerungssystemen ausgesetzt. Besonders wichtig ist, dass unser Immunsystem auch ganz empfindlich auf dieses System reagiert. Schauen wir uns diesen wichtigen Regulationsmechanismus einmal genauer an:
Das vegetative Nervensystem besteht hauptsächlich aus zwei Komponenten. Der Parasympathikus und der Sympathikus haben gegenläufige Wirkungen auf unsere Körperfunktionen. Über den Sympathikus werden anregende, unmittelbar leistungsfördernde Anreize vermittelt, während über den Parasympathikus gegenläufige, beispielsweise erholungsfördernde Impulse laufen.

Das vegetative Nervensystem

Sympathisches (rot) und parasympathisches (blau) Nervensystem
Quelle: http://www.bartleby.com/107/illus839.html

Sympathikus – das Nervensystem für „Kampf und Flucht“

Der Sympathikus versetzt unseren Körper in hohe Leistungsbereitschaft und bereitet ihn auf Angriff oder Flucht oder andere außergewöhnliche Anstrengungen vor. Dies wird auch als Stressreaktion bezeichnet. Der Sympathikus steigert die Herztätigkeit und den Blutdruck und führt zu einer vermehrten Durchblutung und erhöhten Spannung unserer Muskeln. Er erhöht durch Erhöhung des Blutzuckerspiegels, quasi prophylaktisch, für das bevorstehende Ereignis den Stoffwechsel. Er unterdrückt dafür andere, für die unmittelbare Aktivität nicht unbedingt erforderliche Vorgänge, wie z. B. die Darmtätigkeit. Der Sympathikus erweitert die Bronchien um Voraussetzungen für eine bessere Atmung zu schaffen. Die Pupillen werden erweitert, der Mund trocken. Das Stresshormon Kortisol wird erhöht. Paradox scheint zunächst, dass ein erhöhter Sympathikus auch zu Erektionsstörungen und Unfruchtbarkeit führen kann. Bei näherer Betrachtung ist es jedoch logisch, dass die Fortpflanzung eher in den „Ruhebereich“ gehört.
Kurz gesagt bewirkt der Sympathikus, dass unser Körper auf „Vollgas“ schaltet um sofort durchstarten zu können.

Parasympathikus – der „Ruhenerv“

Der Parasympathikus dient dem Stoffwechsel zur Erholung und zum Aufbau körpereigener Reserven. Er sorgt für Ruhe, Erholung und Schonung. Die Darmtätigkeit wird angeregt. Es wird Speichel und Gallenflüssigkeit produziert. Blutdruck und die Herzfrequenz werden reduziert. Die Pupillen werden enger. Alle Funktionen des Körpers schalten auf Verdauung und Entspannung.

Einfluss der Umwelt

Unser vegetatives Nervensystem hat sich an unsere moderneren Lebensumstände noch nicht ausreichend angepasst. Bei Stress werden die beschriebenen Körperfunktionen wie Blutdruckerhöhung, Herzschlag usw. aktiviert. Dies war in der Entwicklungsgeschichte auch sehr sinnvoll. Auf eine Bedrohung folgte die Flucht oder der Kampf. Durch diese folgende körperliche Aktivität wurden die erhöhten Werte „verbraucht“. Heute reagieren wir aber auf eine solche Situation nicht mehr mit Bewegung. Wir sitzen die Situation aus. Die Stressparameter normalisieren sich in diesem Fall nicht. Zahlreiche dieser Parameter finden wir dann als Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und weitere chronische Erkrankungen wieder.
Stress, Hektik, dauernde Anforderungen und Berieselung mit äußeren Reizen bringen durch mangelnde Ruhephasen dieses empfindliche System aus dem Gleichgewicht, ohne dass dies dem Betroffenen sofort auffällt. Im Gegenteil, die aufputschende Wirkung des „Stresses“ wird oft sogar als wohltuend empfunden, aber leider gibt es keinen positiven Stress. Erhöhter Blutdruck und Herzschlag, sowie Schlafstörungen, Abgeschlagenheit und Dauermüdigkeit können Folgen dieser mangelnden Gegenregulation sein. Schon diese kurze Einführung macht uns bewusst, dass eine dauernde Steigerung des Sympathikus negative Auswirkungen auf unseren Körper haben muss. Der Blutzucker und Blutdruck werden erhöht. Das Herz schlägt schnell. Kortisol fördert auf Dauer das Hungergefühl und somit das Körpergewicht. Medizinische Probleme, die in unserer modernen Welt immer mehr zunehmen.
Ein Leben auf der „Überholspur“ birgt viele Risiken für unsere Gesundheit. Oft wird diese Situation nicht bemerkt und unterschätzt. Eine Untersuchung des aktuellen Zustandes wäre somit sicher sinnvoll. Hier biete sich die Messung der Herzfrequenzvariabilität an.

Was ist die Herzfrequenzvariabilität (HRV)?

Allgemein herrscht die Annahme vor, dass ein gesundes Herz doch möglichst gleichmäßig schlagen sollte. Das Gegenteil ist der Fall: Der Herzrhythmus eines gesunden Herzens variiert ständig um kaum wahrnehmbare Nuancen im Tausendstelsekundenbereich. Vereinfacht kann man sagen: Je kränker der Mensch um so gleichmäßiger sind die Abstände der einzelnen Schläge.
Der Zustand des vegetativen Nervensystems hat einen direkten und längerfristigen Einfluss auf die Herzfrequenzvariabilität. Dies gilt nicht nur für den akuten Zustand während der Aufzeichnung der Messung sondern für den derzeitig vorliegenden Zustand von Spannung und Entspannung. Natürlich sollte die Untersuchung nicht unter Stress und Angst stattfinden.
Mit dem Fühlen des Pulses kann der Arzt diese kleinen Veränderungen leider nicht wahrnehmen, die Herzfrequenzvariabilität kann nur elektronisch gemessen werden. Dazu muss der Untersuchte meist in Ruhe und über einen bestimmten Zeitraum (ca. 7 Minuten oder 500 Herzschläge) einen Brustgurt, ähnlich denen bei Pulsuhren tragen. Die erhobenen Daten werden dann über eine komplizierte Messung anhand von Vergleichsdaten analysiert und bewertet.

HRV-Analyse

Beispiel für eine unauffällige HRV-Analyse

Bedeutung der HRV-Analyse

Da die Herzfrequenzvariabilität ihren Ursprung in der Funktion des vegetativen Nervensystems hat, lassen sich prinzipiell Krankheiten erkennen, bei denen es zu Auswirkungen auf den Herzschlag kommt. Dabei sind Erkrankungen zu unterscheiden, die direkt das vegetative Nervensystem schädigen, und Krankheiten, die sich etwa über dauerhaft erhöhte Anspannung und Stoffwechselbeanspruchungen indirekt auswirken. Ein Beispiel für die direkte Schädigung ist die diabetische Neuropathie (Nervenschaden durch Zuckerkrankheit), ein Beispiel für die indirekte Schädigung ist die koronare Herzkrankheit (Verengung der Herzkranzgefäße). Auch psychische Erkrankungen und BurnOut-Syndrome können über eine Erhöhung des Sympathikus erkennbare Folgen auf die Herzaktivität haben. Die Herzfrequenzvariabilität kann daher auch in diesem Bereich zu diagnostischen Zwecken herangezogen werden.
Eine Verbesserung der Herzrhythmusvariabilität ist möglich: Das amerikanische National Institute of Health NIH erteilte Luskin von der Stanford University Fördermittel zur Erforschung einer Schulung und eines Trainings zur Verbesserung der Herzrhythmusvariabilität (HRV-Training) bei Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz. Die Patienten litten unter Atemnot, Müdigkeit, Ödemen und vielfach zusätzlich unter Ängsten und Depressionen. Nach sechswöchiger Behandlung hatte das Stressniveau der Gruppe, die gelernt hatte das HRV-Training einzusetzen, um 22 Prozent abgenommen und die Depression um 34 Prozent, während der körperliche Zustand in der Hinsicht, ohne Atemnot zu gehen, sich um 14 Prozent verbessert hatte. Bei der Kontrollgruppe, in der gewöhnliche Mittel zur Anwendung kamen, hatten sich alle genannten Indikatoren gegenüber den Ausgangswerten verschlechtert.
(Quelle: F. Luskin, M. Reitz, K. Newell, T. G. Quinn, W. Haskell: A controlled pilot study of stress management training of elderly patients with congestive heart failure. In: Preventive cardiology. Band 5, Nummer 4, 2002, S. 168–172, ISSN 1520-037X. PMID 12417824)
Zurzeit ist die Forschung zur HRV in vollem Gange und es kommen monatlich weitere Untersuchungen und Einsatzzwecke hinzu.

Kosten der Untersuchung

Obwohl die Aussagekräftigkeit der Messung der HRV durch viele Studien belegt ist, wird diese von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen. Die Messung der HRV gilt im Sprachgebrauch der gesetzlichen Krankenkassen als zwar medizinisch „sinnvoll“, aber nicht als medizinisch „notwendig“. Somit handelt es sich per Definition um eine reine Selbstzahler-Leistung (IGEL). Private Kassen übernehmen die Kosten der Untersuchung, da eine Abrechnungsempfehlung der Bundesärztekammer nach GOÄ besteht.

Entspannung kann erlernt werden

Das vegetative Nervensystem kann nur über Umwege und Training beeinflusst werden: Als Beispiel kann man einen erhöhte Herzfrequenz aufgrund einer Stress- oder Angstsituation nicht direkt durch seinen Willen beeinflussen. Ein länger durchgeführtes Entspannungstraining (Atemtraining, autogenes Training, Yoga usw.) und körperliche Fitness kann aber die Erholungsphase nach einer Stresssituation deutlich verkürzen. Dies ist dann mit der HRV-Messung nachweisbar. Es kann deshalb sinnvoll sein eine Messung der HRV nach Erlernen und Durchführen eines Entspannungstrainings zu wiederholen. Eine Messung bei vorliegendem aktivem Herzschrittmacher ist natürlich nicht sinnvoll.

Was ist ein Atemtakter?

Sollte die erste Messung der Herzfrequenzvariabilität auffällig gewesen sein, sollte die Folge- bzw. Kontrollmessung (Risikomessung) in voller Inspiration (tiefe Einatmung) erfolgen. Hierzu wird der Atemtakter verwendet. Es handelt sich um ein kleines Gerät, welches durch Signale (Vibration) den Atemtakt vorgibt. Der Takter gibt vor, wann ein- und wann auszuatmen ist. Dieser Takt ist je nach Patient variabel einstellbar. Der Arzt stellt das Gerät ein.
Das Gerät kann dem Patienten mitgegeben werden um selbstständig zu Hause für einen vorgegeben Zeitraum nach Vorgabe des gerätes die Atemfrequenz und -tiefe zu üben. Aktuelle Studie lassen erkennen, dass die Atemtherapie sogar bei einer Regulationsstarre trotzdem nachhaltig erfolgreich sein kann. Die Übungen müssen über einen längeren Zeitraum und mehrmals täglich durchgeführt werden. (z.B. 2 bis 3 Monate mit mindestens 3 bis 4 täglichen Übungsphasen von 15 Minuten).

Weiterlesen im Internet?

Da dieser Artikel das Thema nur kurz beleuchten konnte, können Interessierte bei Wikipedia vertiefende und allgemeinverständliche Informationen finden. Unter den Stichwörtern: „Herzfrequenzvariabilität“ und „Vegetatives Nervensystem“ sind dort auch Verweise zu weiterführenden Literatur und die aktuellen Studienlage zu finden.